Ungarn - Achal Tekkiner in der Puszta
Zur Vorbereitung auf meinen Reiturlaub in Ungarn übe ich mich in Ungarisch für Anfänger und versuche etwas mehr Alkohol zu trinken, denn wenn man unserer ungarischen Kollegin glauben darf, wird sehr viel getrunken. Während sich das ungarische Pferdevokabular als nützlich erweist, wird meine Trinkfestigkeit allerdings nicht auf die Probe gestellt. Aber von vorne: Angemeldet bin ich zum 3-tägigen Kurzprogramm inklusive Viehtreib in der Puszta. Am Flughafen in Budapest treffe ich meine Mitreiterin aus Deutschland und zusammen nehmen wir den Zug nach Kistilek gut 1,5 Stunden südlich von Budapest. Hier holt uns unsere Reitführerin ab und bringt uns ins gemütliche Gästehaus, wo schon das Abendessen wartet. Da ich Vegetarierin bin, wird immer extra gekocht für mich. In Ungarn ist es sehr ungewöhnlich vegetarisch oder gar vegan zu essen. In den Dörfern wimmelt es aber auch von Hühnern, Gänsen, Schafen, Hunden und Katzen - überall Tiere, wie schön!
Am nächsten Morgen werden wir überpünktlich abgeholt und zum 2km entfernten Stall gebracht. Stall ist allerdings übertrieben. Die Pferde der Puszta leben ganzjährig auf riesigen Weideflächen mit dem perfekten Boden. Das Ende der Weiden ist gar nicht erkennbar. Ein gepflegter Reitplatz und ein traumhafter Spingplatz sowie ein überdachter Roundpen stehen für das Training zur Verfügung. Dazwischen stehen schon mehrere Pferde gesattelt an den überdachten Anbindeplätzen parat. Der Hof züchtet edle Achal Tekkiner, auf die die Familie zurecht stolz ist. Im 17. Jahrhundert wurden rund 200 Achal Tekkiner nach England importiert und der Einfluss der langbeinigen schnellen Pferde ist deutlich bei den englischen Vollblütern erkennbar. So ähneln die zähen Pferde aus Turkmenistan durchaus Vollblütern oder Angloarabern. Hier werden sie erfolgreich auch in der Dressur und Vielseitigkeit eingesetzt, wie auch für Shows, bei denen die Ungaren ihre legendären Reitkünste zeigen, inklusive Bogenschießen und Ringreiten. Auch für Distanzreiten sind sie besonders gut geeignet. Ein leichtes elegantes Sportpferd mit vielen Talenten! Und es gibt sie in allen Farben. Gold glänzende Falben und Palominos sind genauso vertreten wie tiefschwarze Rappen.
Mir wird Amrid anvertraut, eine freundliche Braune mit breiter Laterne. Die 8-jährige kommt aus Russland, hatte 2 Fohlen und lief schon im Millitary. Wir unternehmen heute erstmal einen kürzeren Ritt mit ca. 2,5 Stunden. Ein betagter Biologe aus Budapest schließt sich uns an und wir genießen einen schönen ersten Ritt über perfekte Reitwege, bei dem wir nebenbei etwas über die Baumarten lernen. Zunächst geht es jedoch für alle auf den Reitplatz, wo unsere Reitkenntnisse überprüft werden. Nachdem das Ergebnis zufriedenstellend ist, geht es durch den hauseigenen See und der erste Galopp führt gleich über eine große Wiese - Reitvergnügen pur! Die Pferde stehen dabei perfekt an den Hilfen. Sie sind fleißig und gehfreudig, ohne hitzig zu sein. In allen drei Gangarten geht es durch Wald und Wiesen, wobei wir immer wieder Rehe und Feldhasen treffen. Die Felder sind voll davon! Auch jede Menge Vögel, wie weiße Reiher, Perlhühner, Enten und Fasane sehen wir. Es ist geradezu eine Reitsafari. Am Nachmittag besuchen wir das Freilichtmuseum von Opusztaszer und lernen einiges über die Geschichte Ungarns. Die Ungaren kamen einst vom Uralgebirge her mit mehreren Volksstämmen mit Pferden und Rindern auf der Suche nach neuem Land. Die Karpaten Ebene wurde schließlich zu ihrer Heimat.
Am zweiten Tag steht ein Tagesritt auf dem Programm. Dieser führt entlang Kanälen, durch Kiefern- und Pappelwälder und immer wieder gibt es auch einen erfrischenden Galopp meist querfeldein, begleitet von davon springendem Wild. Die ersten Bäume und Sträucher blühen in weiß und rosa und die Wiesen sind saftig grün Anfang April. Heute haben wir noch drei Mitreiterinnen aus Ungarn. An einer Straße heißt es absteigen und führen, denn diese sei stark befahren. Da wäre ich nun lieber zügig im Trab durch, aber wie sich herausstellt ist „stark befahren“ stark übertrieben - für deutsche Verhältnisse ist gar nichts los. Außerdem sind die Straßen in der platten Puszta kerzengerade und super übersichtlich. Nachdem alle wohlbehalten gequert haben, geht es noch ein Stück über sandige Wege und Wiesen bis zu einem Hügelgrab aus der Zeit der Siedler. In diesen wurden wichtige Männer beerdigt und das samt ihrer Pferde, denn damals glaubte man, dass sie ins Jenseits reiten würden. Gott sei Dank ist das schon über 1.000 Jahre her… Die Ungaren haben schon recht bald den christlichen Glauben angenommen und fortan gab es auch keine tierischen Opfergaben mehr. Am Nachmittag erklimmen wir noch ein weiteres Hügelgrab mit Blick auf einen Steppensee. Anscheinend gibt es hier auch Wasserbüffel, doch leider sehen wir keine. Dafür wieder Rehe, Hasen und Vögel von allen Seiten. Und jede Menge Hoftiere in den Dörfern. Auf dem Rückritt durchreiten wir noch die Weiden der weiteren Pferde der Familie: Eine kunterbunte Herde Jährlinge, hübsche 2-jährige, ein paar der Zuchtstuten inklusive einem staksigen kleinen Fohlen und drei bildschöne Deckhengste. Diese setzen sich ordentlich in Pose, was unsere Stuten aber nicht übermäßig beeindruckt. Am Abend erwartet uns wieder ein Abendessen im Gästehaus, das Köchin Brigitta extra gekocht hat. Das Essen ist sehr lecker, aber immer viel zu viel! Eine ganze Familie könnte satt werden davon. Auch für das Frühstück ist reichlich gesorgt: Zwei Wurstplatten, eine Käseplatte, diverse herzhafte Quarkspeisen, gekochte Eier, Obst, Gemüse usw. Selbst als Vegetarierin kann man hier problemlos einige Kilo zulegen, ideal zur Rekonvaleszenz. Leider ist das weniger gefragt als abnehmen… Das Essen ist nämlich auch sehr reichhaltig, Quark, Eier, Fleisch scheinen die wichtigsten Bestandteile zu sein. Da hilft hinterher nur noch Palinka - Schnaps.
Übermäßig gut gestärkt starten wir in den letzten Reittag. Dieser führt in neuer Formation mit sieben Gästen und zwei Reitführern über sandige Wege durch den noch frühlingshaften Wald mit Knospen und weißen Blüten. Immer wieder bietet sich auch heute Gelegenheit für schnellere Gangarten. Die Kommandos können wir längst perfekt auf ungarisch: lepesch -Schritt, ügetesch -Trab, aber am liebsten hören wir wakta - Galopp. Auf geht’s! An einem Sommerhäuschen machen wir Rast. Die Pferde binden wir in der Allee an die Bäume, während wir drinnen von Brigitta verwöhnt werden, oder sollten wir sagen gemästet … Nach einer Pause bei sonnigen 16 Grad, erwartet uns nun der Viehtrieb. Die Familie züchtet ungarische Graurinder gekreuzt mit französischen Limousin, einer sehr guten Fleischrasse. Wir teilen uns in zwei Gruppen auf. Die andere Gruppe sammelt die Rinder und treibt sie in unsere Richtung. Wir poitionieren uns an der Seite, damit die muhende Herde aus rund 100 Kühen und z.T. noch ganz kleinen Kälbchen in die richtige Richtung läuft. Wir treiben sie einmal durch mehrere Weiden im Kreis bis zum Winterpaddock. Die Pferde und Kühe kennen einander und haben keine Angst. So müssen wir mit Rufen nachhelfen um die Rinder in Gang zu halten. Ab und an brechen einige Tiere aus. Wir fangen sie wieder ein und bringen sie zur Herde zurück. Nach ca. 40 Minuten ist der Viehtrieb zu Ende. Über Wiesen und Waldwege geht es in allen Gangarten zurück. Einmal galoppiert ein ganzer Sprung Rehe neben uns her. Als wir durchparieren, machen sie wieder mit und beobachten uns neugierig. Nach einem Ritt durch ein beschauliches Dorf mit etlichen Tieren, darunter putzige Zicklein, geht es noch ein letztes Mal im Galopp über die weite Ebene. Dann sind wir zurück und bringen die Pferde auf die Ferienkoppel, denn sie dürfen sich ein paar Tage ausruhen. Diese schier unendliche Wiese ist ein kleines Stück weiter und lässt sicher keinerlei Pferdewünsche offen. Jedes Pferd sollte so leben können. Ein absolutes Pferdeland ist das beschauliche Ungarn auf jeden Fall. Für mich geht es am nächsten Tag mit dem Zug zurück nach Budapest, wo ich noch einen Tag mit Sightseeing verbringe. Die Stadt ist sehr beeindruckend und auf jeden Fall einen Besuch wert. Während das übrige Ungarn einen sehr ländlichen Eindruck macht, ist hier richtig was los und die Leute drängen sich überall. Die Kombi aus Reiten in der Puszta und Sightseeing in Budapest ist auf jeden Fall perfekt für einen Kurzurlaub!